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Ich stelle meine Familie - in mein Herz

Kordula Krause über Bert Hellinger und das Familien-Stellen

Der Artikel erschien in der Mai-Ausgabe 2002 der Zeitschrift:

 "VENUS - Das Frauenmagazin für Lebenslust & mehr"

Inhat des Artikels:

  • Worum geht es eigentlich genau beim Familienstellen?
  • Wie läuft eine Aufstellung ab?
  • Scharlatanerie?
  • Der "Guru"
  • Das "Größere Ganze"
  • Verantwortung, Widersprüche: Ja oder nein?
  • Veränderung in der Arbeit
  • Der Boom
  • Die Sache mit der (Er-)Lösung
  • Eine bessere Welt?
  • Nachdenkliche Schlussworte

Die Frage "Hast Du schon mal Deine Familie aufgestellt?" wird einem heutzutage immer öfter gestellt. Und löst immer seltener erstauntes Kopfschütteln aus, denn Familienstellen wird immer bekannter  und hat wahrscheinlich genauso viele begeisterte Anhänger wie erklärte Gegner. VENUS stellt diese beeindruckende Therapieform vor und sprach unter anderem mit dem Mann, der sie so bekannt machte: Bert Hellinger

Wer sich mit dem Thema "Familienstellen" beschäftigt, findet sich schnell mitten in einer Kontroverse wieder, die sich im Grunde meist nur um eines dreht: die Person Hellinger.

Nun hat Bert Hellinger das Familienstellen nicht erfunden, das behauptet er übrigens auch nicht, aber er hat die Möglichkeiten, die diese Art der "Seelenarbeit" bietet, erkannt, sehr stark verfeinert und vor allen Dingen bekannt gemacht, u.a. durch viele Veröffentlichungen und Seminare, die zum Teil unter den Begriff "Großveranstaltung" fallen. Und so entzündet sich besonders an seiner Person eine emotionsgeladene Diskussion über das Für und Wider dieser Therapie.

Worum geht es eigentlich genau beim Familienstellen?

Keine einfach zu beantwortende Frage, denn die Energien, mit denen gearbeitet wird, auch wissende oder morphogentische Felder oder größeres Gewissen bzw. Seele genannt, entziehen sich den uns bekannten "wissenschaftlichen" Analysemethoden. Im Wesentlichen geht es darum, "Verstrickungen" aus der Vergangenheit oder Gegenwart zu lösen oder zumindest in das Bewusstsein des Aufstellenden zu bringen  was er dann mit diesem "Wissen" anfängt, bleibt ihm überlassen.

Ein typischer Fall einer Verstrickung wäre die Tatsache, dass in der Eltern- oder Großelterngeneration (das Problem kann auch noch weiter zurück liegen), ein Familienmitglied ausgeschlossen wurde  aus welchen Gründen auch immer. Diese Person wird nicht mehr erwähnt und gerät in Vergessenheit bei den nachfolgenden Familienmitgliedern  aber nicht im "Familiengedächtnis", über das jede Familie verfügt. Und so wird in einer der nächsten Generationen ein Kind die Rolle bzw. das Leben dieses ausgeschlossenen Familienmitgliedes leben  ohne es auch nur zu ahnen. Geschweige denn, sich wohl in seiner Haut zu fühlen.

Verschwiegene Totgeburten oder verstorbene Geschwister, verstoßene Ehefrauen und Ehemänner  sie alle tauchen wieder auf und fordern ihr Recht: Geachtet zu werden. Das hört sich unglaublich und ganz schön esoterisch-abgehoben an? Stimmt. Und es geht noch weiter: Begeht ein Familienmitglied ein Kapitalverbrechen, also z.B. einen Mord oder Verrat, so wird das  solange die Tat ungesühnt bleibt  negative Auswirkungen auf nachfolgende Familienmitglieder haben, auch wenn das Verbrechen verschwiegen wurde. Das hört sich erst recht unglaublich und sensationsheischend an? Vielleicht  allerdings nur so lange, bis man sich intensiv mit dem Thema Familienstellen beschäftigt. Und natürlich birgt nicht jede Familie furchtbare Geheimnisse  wenigstens keine, die immer noch Auswirkungen auf die Gegenwart haben. Verstrickungen können so kompliziert und erschütternd, aber auch so einfach sein wie das Leben selbst.

Wie läuft eine Aufstellung ab?

Jede Aufstellung läuft anders ab, u.a. abhängig von den zu behandelnden Problemen und natürlich von dem Stil des Aufstellungsleiters. Im folgenden skizziere ich kurz eine "normale" Aufstellung. Die Angebote reichen von mehrtägigen Seminaren mit mehreren Aufstellungen hintereinander bis zu festen Workshopgruppen, die sich vielleicht einmal pro Woche treffen.

Bei Seminaren ist es oft so, dass fast alle Anwesenden nicht nur als Stellvertreter agieren, sondern meist auch selbst ein Problem aufstellen möchten. Im Durchschnitt umfasst ein Gruppe zwischen 12 und 20 Teilnehmer, es können auch mehr sein. Übrigens, die Erfahrung hat gezeigt: Je dringlicher ein Problem ist und je besser es von den Klienten in Worte gefasst werden kann, desto mehr wird im Regelfall gelöst.

Gewöhnlich wird ein Kreis gebildet, und der erste Klient erzählt kurz von seinem Problem. Die Betonung liegt hier auf "kurz": Es sollte sich nur um ein, zwei Sätze handeln, damit jegliche Meinungsbildung vermieden wird. Wichtig allerdings ist die Vorstellung der Gegenwarts- und Herkunftsfamilien, und zwar besonders in Hinblick auf besondere Vorkommnisse (frühe Todesfälle, immer wieder auftauchende Krankheiten, etc.) und natürlich auf Anzahl und Reihenfolge von Kindern und / oder Eheleuten. Sobald diese Fakten geklärt sind, sucht sich der Klient aus der Runde einen Stellvertreter für sich selbst aus, und dann Stellvertreter für weitere Familienmitglieder, je nachdem, ob das Gegenwarts- oder das Vergangenheitssystem aufgestellt wird.

Die Entscheidung, welches System aufgestellt wird, ergibt sich oft nach der Problemschilderung, oder aber der Klient äußert den Wunsch, sich eine bestimmte Konstellation anzuschauen. Ob es dann bei diesem System bleibt, oder ob z.B. von der Gegenwart in die Vergangenheit gewechselt werden muss, um einen Erklärungsansatz zu finden, ergibt sich dann schnell während der Aufstellung. Denn es ist immer das in diesem Moment für den Klienten wichtigste, "brennenste" Thema, welches zuerst auftaucht. Und oft etwas, mit dem er überhaupt nicht rechnet.

Sobald alle Stellvertreter vom Klienten ausgewählt sind, stellt er sie in der Mitte des Kreises auf  nach seinem Gefühl bzw. seinem inneren Bild. Dann setzt sich der Klient wieder hin und sieht nun von "außen", wie die von ihm aufgestellten Stellvertreter reagieren  denn jetzt beginnt das Faszinierende und immer noch nicht Erklärliche einer Aufstellung: Die StellverterInnen erleben  im wahrsten Sinne des Wortes  Gefühle, die nicht ihre eigenen sind. Und anhand der Reaktionen aller Stellvertreter zueinander entwickelt sich eine "Geschichte", die Aufschluss über Gefühle und Einstellungen der Familienmitglieder gibt und über Vorkommnisse in der Vergangenheit. Das Ziel ist, mögliche Verstrickungen zu erkennen und wenn möglich aufzulösen. Oft zeigt sich z.B. ein Unrecht, das einem oder mehreren Familienmitgliedern angetan wurde.

Dieses anzuerkennen, Opfer und auch Täter versuchen auszusöhnen bzw. zu achten, bewirkt in dieser Hinsicht viel. Zu merken ist das an den Reaktionen der Stellvertreter (tiefes, befreites Aufatmen, Tränen der Erleichterung, eine insgesamt leichte Stimmung, die alle Teilnehmer erfasst, usw.).

Die Aufgabe des Leiters ist es, zu sehen, was abläuft  das ist für die Stellvertreter selbst sehr schwer zu erkennen  und sanft leitend einzugreifen. Lösungsvorschläge sind Vorschläge, die von den Stellvertretern, manchmal sogar von der ganzen Gruppe, als stimmig oder unstimmig erkannt werden. Gesucht werden Sätze und Aktionen, die für alle Beteiligten stimmig sein und die alte Muster lösen. Gelingt eine Aufstellung im klassischen Sinne, stehen die Stellvertreter zum Schluss in einer für alle akzeptable Konstellation zusammen. In dieses "Endbild" stellt sich dann, falls er es möchte, der Klient an die Stelle seines Stellvertreters, um die eben erlebten Bilder und Gefühle zu vertiefen.

Bei diesem Prozess werden die Bilder und Meinungen, die die Klienten am Anfang mitbringen, fast immer völlig auf den Kopf gestellt. Das kann eine große Erleichterung mit sich bringen, weil endlich unverständliche Verhaltensmuster eine Erklärung gefunden haben, aber auch völlige Verwirrung: Ein über Jahre oder vielleicht Jahrzehnte gehegtes Bild von der Familie oder von sich selbst löst sich nicht einfach in Nichts auf. Und so kann es durchaus zu völliger Ablehnung des "Endbildes" kommen. Allerdings wird eigentlich immer in der Seele des Aufstellenden etwas in Gang gesetzt.

Es kann recht lange dauern, bis die Wirkung zutage tritt und vielleicht ist noch eine weitere Aufstellung nötig, um noch tiefer in das Problem einzudringen  neue Einsichten bekommt man immer. Es kann viel Erschütterndes auftauchen, deshalb ist es wichtig darauf zu achten, dass die Stellvertreter am Ende einer Aufstellung bewusst aus ihrer "Rolle" hinaus gehen. "Rolle" steht deshalb in Anführungszeichen, weil es sich nicht  ausdrücklich nicht  um Schauspielerei handelt, sondern um wirklich erlebte bzw. ausgelebte Gefühle. (Ich selbst habe in einer ganzen Reihe von Aufstellungen als Stellverteterin gestanden, kann es also aus erster Hand bestätigen).

Sowohl für die Stellvertreter als auch für den Leiter birgt jede Aufstellung Lernpotenzial, auch ihre Seelen werden berührt. Und auch hier gibt es keinen Zufall: Wenn eine Frau z.B. immer wieder die Rolle der missbrauchten Tochter, Enkelin, Schwester bekommt  und so etwas zeigt sich ja erst im Laufe einer Aufstellung, diese Frau wird ja nicht bewusst nach diesem "Kriterium" vor der Aufstellung ausgesucht  dann hat sie nicht selten mit genau diesem Thema persönlich zu tun, in welchem Bezug auch immer. Und kann dies durchaus als Wink des Schicksals sehen, sich diesem Thema zu stellen.

Scharlatanerie?

Wer solche Aussage das erste Mal vernimmt, ist meist mehr als skeptisch. Dazu kommen die in der Medienwelt und im Internet oft hitzig ausgefochteten Diskussionen, aus denen Hellinger selbst sich übrigens heraushält. Unter www.hellinger.com hat er einen kurzen Artikel  "Über die Kraft der Feinde" hinterlegt und an gleicher Stelle findet sich übrigens auch ein öffentliches, nicht zensiertes  Diskussionsforum; ansonsten sagt er dazu nur: "Keine Antwort einem, der lauert."

Hellinger wird oft als "Guru" im negativen Sinne des Wortes bezeichnet, als rücksichtsloser und brutaler Therapeut, autoritärer Patriarch mit antiquierter Sprache. Auslöser sind Aussagen wie "Die Frau folgt dem Mann", oder Anweisungen während Aufstellung an Frauen, sich z.B. vor ihrem Vergewaltiger zu verneigen. So gesehen empörende, oder zumindest antiquierte Standpunkte. Allerdings darf man sie nicht isoliert betrachten. Der eben erwähnten erste Satz ist übrigens nicht vollständig zitiert, denn daran anschließend folgt: "Und der Mann muss dem Weiblichen dienen." Und "folgen" heißt nicht "untertan" sein!

Wer sich intensiv mit Hellinger und seinen Gedanken beschäftigt, findet viele Antworten auf anfangs völlig Unverständliches. Auch große Wahrheiten  die zum Teil sehr schwer anzunehmen, noch schwerer zu leben sind  ich spreche da aus eigener und der Erfahrung einer ganzen Reihe von Aufstellungen. Wenn man z.B. zum ersten Mal mit dem Gedanken konfrontiert wird, seinen Eltern, die einem so vieles angetan haben, oder  sehr viel heftiger  einem Vergewaltiger oder Mörder Ehre und Achtung zu erweisen, sich womöglich noch vor ihm oder ihnen zu verbeugen, dann scheint das anfangs unmöglich.

Erträglich werden solche Gedanken, wenn man akzeptieren kann, dass wir Menschen vor dem größeren Ganzen alle gleich sind und das Menschen, die in diesem Sinne geachtet und geliebt werden, ihre Fehler erkennen und bereuen bzw. sich anders verhalten hätten oder werden (je nachdem, ob es sich um Personen der Vergangenheits- oder Gegenwartssysteme handelt). Geradezu leicht zu leben werden solche "Anforderungen", wenn man im Laufe einer Aufstellung merkt bzw. fühlt, wieviel Kraft einem die Familie geben kann.

Das Leben kam durch unzählige Generationen meiner Familie zu mir. Wenn es gelingt, die vielleicht gestörte Beziehung zu Vater und / oder Mutter wieder herzustellen, kann die Energie dieser Generationen ihre Kraft in mir entfalten. In diesem Augenblick erschließt sich einem vieles  und man erkennt auch, dass es für einen selbst wichtig ist, endlich verzeihen und somit loslassen zu können. Denn dann kann man weit weniger belastet seinen eigenen Weg gehen, ohne dauernd seine Energie an die Vergangenheit zu verschenken.

Der "Guru"

Was den "Guru" und seine Jünger betrifft, so hat Hellinger auch dafür eine Antwort parat: "Viele Jünger sind die Schande ihres Meisters." Denn er hat in dem Sinne keine Schüler  er geht mehr oder weniger davon aus, dass jeder, der mit Aufstellungen arbeitet, sich seiner eigenen Verantwortung stellen muss. Das mag manchem naiv erscheinen, für Hellinger ist es konsequent.

Hellingers Auftreten in der Öffentlichkeit erinnert kaum an einen Guru, sondern eher an jemanden, der schon viel erlebt hat und den nur noch wenig aus der Ruhe bringen kann. Bei all den Angriffen darf eines nicht vergessen werden: Dieser Mann sieht auf einen ungeheuren Schatz an Wissen und vor allen Dingen Erfahrungen zurück. Als Siebzehnjähriger hat ihn die Gestapo im Visier, doch bevor etwas passiert, wird er eingezogen. Er kommt in Kriegsgefangenschaft und entschließt sich, katholischer Priester zu werden. Jahrelang arbeitet er mit den Zulu in Südafrika, unterrichtet und lebt mit ihnen. Dann legt er sein Amt nieder und entschließt sich, Psychoanalytiker zu werden. Er kommt mit vielen Therapieformen in Kontakt, bis er schließlich die Psychoanalytik aufgibt und das Familienstellen als "seine" Therapieform findet  die er ständig verfeinert und verändert. "Offen sein" ist sein Motto.

Hunter Beaumont schreibt dazu: "Hellinger hat drei der mächtigsten Ideologien unseres Jahrhunderts miterlebt: Den Nationalsozialismus, die Katholische Kirche und die Psychoanalyse, und er hatte den moralischen Mut, seiner inneren Wahrheit zu folgen." Als ich Hellinger darauf anspreche, schüttelt er lachend den Kopf. "Also, was die Nazis betrifft, da war ich eingebunden in eine Familie, die das abgelehnt hat, das war das Verdienst meiner Mutter. Was die Katholische Kirche angeht, so habe ich im Laufe der Zeit gewisse Dinge durchschaut, viel Fragwürdiges gesehen, und mich daraus zurückgezogen. Religiosität ist oft fanatisch, das ist schlimm." Was die Psychoanalytik anging, so eckte er auch dort mit neuen Gedanken an. "Moralischen Mut" und "innere Wahrheit" findet er übertrieben ausgedrückt.

Das "Größere Ganze"

So frage ich ihn nach seinem Glauben. Nein, er sei nicht gläubig und spirituell auch nicht. Aber Taoismus und Konfuzianismus haben es ihm doch angetan? "Ich bin kein Anhänger dieser "Glaubensrichtungen", aber ich habe die Aussagen von Laotse und Konfuzius als sehr hilfreich empfunden. Vor allen Dingen haben sie meine innere Haltung beeinflusst  man nimmt etwas Größeres mit hinein. Statt dass man selbst handelt, zieht man sich zurück, bleibt aber aufmerksam und in diesem Nichthandeln wird etwas bewirkt, was viel größer ist als das, was man selbst tun könnte." Das bestätigt auch sein Interesse an "Sat Nam Rasayan", einer yogischen Heilweise (siehe VENUS 03/02), bei der es um geistiges Heilen, u.a. durch vollständige innere Sammlung des Heilenden, geht, eingebunden in Liebe und das größere Ganze.

Dieses "größere Ganze" taucht immer wieder bei ihm auf?! "Ja. Aber Guru ("Guru" ist hier Teil eines spirituellen Namens, bedeutet in etwa "Vom Dunkel ins Licht" und hat ebenfalls nichts mit der im Westen üblichen Interpretation dieses Begriffes zu tun; A.d.R.) Dev Singh, der Meister des Sat Nam Rasayan, hängt ja keiner Ideologie an, sondern er führt über Erfahrungen zu neuen Erkenntnissen, davon habe auch ich profitiert. Indem ich in einer Aufstellung in diesen "größeren Raum" gehe, bin ich viel wirksamer als vorher und insofern hat sich auch in meiner Arbeit etwas geändert."

Also ist doch ein Glaube an das größere Ganze vorhanden?

"Nein: Ich sehe an der Wirkung, dass es das gibt, aber ich glaube nicht."

Hellinger kann auf weit mehr als 20 Jahre Praxiserfahrung zurück blicken. Er führt keine Statistiken über seine Aufstellungen, aber er bekommt doch Feedback von seinen Klienten. Unzähligen Menschen hat er geholfen  dass eine Aufstellung nicht immer und bei jedem wirkt, ist da keine Frage. Meine Frage nach misslungenen Aufstellunge bejaht er. "Da kann der Fehler entweder beim Therapeuten liegen. Oder der Klient hat sich etwas vorgenommen, was er unbedingt durchsetzen will, dann sollte eine Aufstellung abgebrochen werden.

"Ich habe mal in Kanada eine Aufstellung gemacht, da habe ich mich schlichtweg geweigert, mit zwei der Anwesenden zu arbeiten. Die haben gedrängt: "Du musst das und das machen!", und sich unmöglich verhalten. Ein halbes Jahr später bekam ich einen Brief vom Veranstalter: Genau diese beiden hatten in diesem letzten halben Jahr die größten Fortschritte der ganzen Gruppe gemacht. Eine Frau z.B. war wutentbrannt davon gefahren und hatte dann in einem Waldstück gehalten. Dort brach plötzlich alle aus ihr heraus und es hat viel gelöst. Deswegen kann man nicht immer schließen, es sei ein Fehlschlag, wenn die Aufstellung nicht sofort Wirkung zeigt. Es kommt auf das Endergebnis an und das kann schon mal ein bis zwei Jahre dauern."

Verantwortung, Widersprüche: Ja oder nein?

Immer wieder wird Hellinger vorgeworfen, er übernehme keine Verantwortung für seine Klienten. Darauf hin angesprochen ist er kurz still, dann sieht er mich an: "Ich übernehme die volle Verantwortung für den Klienten, solange der mit mir arbeitet. Wenn die Aufstellung vorbei ist, ist auch unsere Beziehung vorbei. Wenn er später Probleme hat und mich kontaktiert, dann antworte ich. Aber ich renne den Leuten nicht hinterher, das ist nicht der Sinn der Sache. Aber wenn jemand zu mir kommt und Hilfe braucht, dann gebe ich sie ihm!"

Hellinger wird oft vorgehalten, er widerspreche sich dauernd und während der Lektüre einiger seiner Bücher fällt mir auf, dass er das tatsächlich immer wieder, und sogar während der jeweiligen Aufstellung tut. Doch bei weiterer Lektüre und im Gespräch mit ihm wird klar, warum: Hellinger steht auf dem Standpunkt, dass die Aufstellungsarbeit auf keinen Fall festen Regeln folgen darf, da sie dadurch erstarren würde. "Die Situation während einer Aufstellung verändert sich laufend. Ich sehe das und gehe mit. Natürlich gibt es gewisse Grundsituationen, die immer wieder auftauchen. Und es ist auch klar, dass wir alle vor dem größeren Ganzen gleich sind. In einer Diskussionsrunde wurde mal ein schöner Satz gesagt: Klient und Aufstellungsleiter betreten gemeinsam den Fluss des Lebens. Da ergibt sich zum einen das Bild zweier sich gleichenden Wassertropfen und gleichzeitig schwimmen beide zusammen durch den Fluss und kommen hinterher beide verändert m anderen Ufer an."

Nach so vielen Aufstellungen, die er geleitet hat  ändern ihn da jetzt noch neue? "Ja, jede verändert mich. Ich vergesse zwar fast alle, aber jede erweitert meinen Erfahrungsschatz und meine Wahrnehmungsfähigkeit." In einem seiner Bücher steht: "Wenn drei Mal hintereinander eine gute Lösung kam, muss die nächste schief gehen."? Er lächelt: "Das stimmt natürlich nicht. Aber wenn lange Zeit etwas gut läuft, dann entsteht in der Gruppe und oft auch beim Leiter der Eindruck, dass die Dinge handhabbar sind. Und dann muss zum Ausgleich das Gegenteil passieren. Das ist für alle heilsam und dient der inneren Reinigung. Ich als Leiter werde dann zurückgestuft auf Normalmaß."

Veränderung in der Arbeit

Hellinger erweitert seine Aufstellungsarbeit ständig  seien es Themen, die zeitweise besonderen Stellenwert haben, z.B. die Paarbeziehung oder momentan vor allem Täter-Opferbeziehung, sei es seine Art zu leiten. So kann es nun z.B. vorkommen, dass eine Aufstellung ohne Worte nur zwischen ihm und einem Klienten abläuft. "Wenn z.B. während des Seminars sich jemand neben mich setzt und ich gebe seiner Seele Raum, dann behüte ich sie, ziehe mich aber zurück und stelle mir vor, dass der Klienten jetzt von etwas Gutem getragen wird. Ich beobachte, was in ihm abläuft  so lange, bis es vorbei ist. Ich unterbreche ihn nicht und gebe ihm die volle Zeit.

Dann läuft ein vollständiger Heilungsprozess ab. Übrigens nicht zu verwechseln mit körperlicher Heilung! Es kann möglich sein, dass durch die Veränderungen in der Seele auch körperliche Probleme geändert werden, aber in einer Aufstellung geht es ja darum, dass jemand eine neue Sicht bekommt und etwas in der Seele angestoßen wird."

Der Boom

Familienstellen boomt. Eine Ausbildung zum Aufstellungsleiter gibt es nicht. Das bringt natürlich ein weiteres Problem mit sich: Eine ganze Reihe von Leuten fühlen sich dazu berufen, als Aufstellungsleiter zu fungieren. Ob sie die Berufung tatsächlich besitzen, ist manchmal die große Frage. Hellinger setzt auch hier, wie schon erwähnt, auf Selbstverantwortung. "Ein Meister war nie ein Schüler, ein Schüler wird nie ein Meister. Denn der Meister schaut, deswegen braucht er nicht zu lernen. Der Schüler lernt, und deswegen schaut er nicht. Das ist natürlich ein provozierender Satz. Worauf es ankommt ist ja, dass man eher schaut und aus Erfahrung und Beobachtung sieht, was wirklich abläuft, statt dass man alles nachliest und sich belehren lässt, ohne selbst zu schauen.

Viele bleiben eben Schüler und werden keine Meister. Die Meister lernen natürlich auch, aber sie schauen vor allen Dingen und in diesem Augenblick sind sie selbstständig."

Das bedeutet auf der einen Seite, dass viel experimentiert und ausprobiert wird, was zum Teil sehr große Erfolge zeitigt, z.B. Unternehmensaufstellungen, Drehbücheraufstellungen, auch Aufstellungen homöopathischer Mittelbilder zeigen interessante Ergebnisse. Auf der anderen Seite ist die Gefahr des "Wildwuchses" gegeben, wie Bertold Ulsamer, Autor verschiedener Standardbücher zum Thema Aufstellung, schreibt. Sein Tipp für die Suche nach einem guten Aufstellungsleiter: "Die Aufstellerliste der IAG anfordern und sich vorher die Arbeit des Aufstellers, der Aufstellerin ansehen, denn persönlicher Kontakt ist wichtig." 

Und wie weit darf man gehen bei solchen Experimenten? Das muss jeder selbst entscheiden. Und jeder Stellvertreter muss für sich entscheiden, wie weit er gehen will oder kann. Auf die Frage, ob Hellinger schon einmal "probehalber" Personen wie Hitler oder Stalin aufgestellt habe, kommt wie aus der Pistole geschossen ein "Nein! Ich bin doch nicht verrückt. Es gibt solche Leute, die das machen, aber ich persönlich finde das anmaßend  ich bleibe auf dem Boden."

Hellinger hat das Familienstellen bekannt gemacht, doch er hatte in dem Sinne nie Schüler. Wer Aufstellungsarbeit machen möchte, hat für sich und seine Klienten selbst Sorge zu tragen. Das mag mancher verwerflich finden  andererseits: Hellinger hat kein Copyright auf diese Arbeit angemeldet, kein Lehrinstitut gegründet, seinen Namen nicht verkauft. Hellinger steht für sich  was die anderen machen, ist ihre Sache.

Die Sache mit der (Er-)Lösung

Zu den Themen Guru, Schüler, Klient und Selbstverantwortung bringt Ulsamer auf seiner Homepage sehr wichtige Gedanken mit ein: "Die kritischen Beobachter des Familien-Stellens haben schon früh den Begriff des "Gurus" ins Spiel gebracht. Ursula Nuber differenziert 1995 in der "Psychologie heute": "Hellinger sagt von sich selbst, er sei kein Guru. Und sicherlich hatte er, im Gegenteil zu anderen Psycho-Gurus, niemals die Absicht, ein Guru zu werden. Er kann aber nicht verhindern, dass seine Fans und Anhänger ihn zu einem Guru machen, weil sie ganz offensichtlich ein starkes Bedürfnis nach Autorität und Führung haben. Und das ist das eigentlich Beunruhigende am Phänomen Bert Hellinger."

Hier Auszüge aus Ulsamers Gedanken zu dem Thema: "In den meisten von uns schlummert anscheinend die unaustilgbare, unverwüstliche Hoffnung nach Erlösung. Wir leben in Zwängen, Spannungen und Ängsten. Frühere Generationen hofften auf den "Himmel". Heute strebt die Suche danach, Erlösung im Diesseits zu erreichen. Wer Erlösung sucht, hofft, mit Hilfe einer Methode in kurzer Zeit und mit geringem Aufwand alles Belastende abzuschütteln. Wir stellen unsere Familie und damit sind wir auf wunderbare Weise heil und erlöst von dem, was uns innerlich quält. Dann ist alles gut. Diese Hoffnung ist kindlich und regressiv.(...)".

Im Interview fügt er noch hinzu: "Ich erlebe es wirklich, dass dieses revolutionäre Gedankengut des Familienstellens mit vielen Vorstellungen bricht. Wir sehen in den Aufstellungen, dass die Verbindung mit der Familie sehr stark ist, dass bestimmte Strukturen und Ordnungen immer wieder auftauchen und weitergegeben werden. Wenn so etwas total Neues kommt, dann ist es klar, dass es Widerstand gibt, das ist immer so. Alles radikal Neue hat sich nicht dadurch durchgesetzt, dass man Leute überzeugt, sondern dadurch, dass die junge Generation die Ideen angenommen haben und die alten Gegner langsam "ausgestorben" sind. So wird das beim Familienstellen auch sein. Wenn jemand missionieren, also etwas aufdrängen will, dann gibt es berechtigterweise Widerstand.

Natürlich ist auch klar, dass es dabei auch Verzerrungen und Auswüchse gibt. Und das sehen die Gegner dieser Methode sehr stark und haben dann berechtigte Einwände. Ich habe das Gefühl, dass gehört zu so einer neuen Bewegung einfach dazu, mit all den positiven und negativen Erscheinungen. Man kann nicht nur das eine haben."

Eine bessere Welt?

Während des Interviews mit Hellinger kann ich es mir nicht verkneifen zu fragen, ob  gesetzt den natürlich unmöglichen Fall  man könnte mit jedem einzelnen Menschen eine Aufstellung durchführen, die Welt dann eine bessere wäre? Die Antwort ist ein entschiedenes "Nein! Ich gehe davon aus, dass die Welt gut ist. Das ist sozusagen meine Ausgangsposition. Und dass jeder Versuch sie zu verbessern, eigentlich zum Scheitern verurteilt ist. Umgekehrt: Wenn ich sie so nehme, wie sie ist und dem zustimme wie sie ist, dann kann ich in diesem Zustand etwas ändern. Wenn man sich selbst einbringt, den anderen aber auch Raum gibt, dann kommen alle auf ihre Kosten."

Nach all diesen unzähligen Aufstellungen, in denen er als Leiter auch immer wieder mit eigenen Verstrickungen und Problemen konfrontiert wird, hat er da in der Zwischenzeit all seine Verstrickungen gelöst? "Nein  man verliert die Tiefe, wenn man alles gelöst hat. Wer nicht eingebunden ist in ein größeres Ganzes und das auch nicht begreift, der ist ein Leichtgewicht. Und es geht auch nicht darum, dass man die Verstrickungen löst in dem Sinne, dass man sie weghaben will, sondern man löst sie auf eine Weise, dass man mehr verbunden ist  nicht weniger. Und in dieser Verbundenheit sieht man sich an, welche Schicksale in der Familie liegen. Und indem ich dem zustimme, bekomme ich eine ganz andere Kraft, als wenn ich das alles loswerde.

Wer alles losgeworden ist, der hat nichts mehr. Eine Verstrickung wird ja nicht in dem Sinne gelöst, dass sie aufgehoben wird. Verstrickung hat was mit Bindung zu tun. Und damit, dass z.B. irgendjemand aus der Familie nicht gewürdigt wurde. Die Lösung findet dadurch statt, dass die Person einen Platz in meinem Herzen bekommt. Und da ist sie jetzt mit ihrem Schicksal. Ich bin sie nicht los, aber ich habe sie integriert und damit bereichert sie mich."

Zum Schluss will ich noch wissen, woher er die Kraft nimmt, als 76jähriger nicht nur die ganzen Seminare in Deutschland zu halten, sondern auch all die Arbeiten im Ausland, sei es USA, China oder Japan, durchzuziehen  immer konzentriert und gesammelt. Er lächelt: "Ich nehme sie mir nicht, ich habe sie..."

Halten ihn vielleicht die Energien bzw. das größere Ganze, das sich ja bei jeder Aufstellung zeigt, jung  wie eine Art Lebenselixier? Er lacht: "Ja, vielleicht?"

Nachdenkliche Schlussworte

Alle Theorie fällt hinter der Praxis zurück. Besonders die wirklich extrem schwer nachzuvollziehende Aussage, dass man als Stellvertreter echte  fremde  Gefühle und Energien spürt; so deutlich, dass man oft Gestik, Mimik, Körperhaltung und sogar bestimmte Schlüsselsätze der dargestellten Person übernimmt, die man ja nicht kennt, haben mich lange beschäftigt. Ob das wirklich funktioniert? Ja, das tut es. Erfahren kann man es nur, wenn man es selbst ausprobiert.

Dazu aber gleich eine Warnung hinterher: Diese Energiefelder bzw. morphogenetischen Felder, das größere Etwas, wie immer Sie es auch nennen wollen  es wird bei einer Aufstellung immer da sein, wenn auch in unterschiedlicher Stärke. Das heißt aber auf keinen Fall, dass man das Aufstellen einfach mal ausprobieren sollte. Eine Aufstellung sollte immer(!) unter einem erfahrenen Aufstellungsleiter ablaufen. Die Bedeutung vieler Handlungen der Stellvertreter erschließen sich einem erst nach langer, intensiver Arbeit mit dem Thema (was bedeutet es z.B., wenn ein Stellvertreter immer nach unten sieht, der Gruppe den Rücken kehrt, u.ä.). Der Leiter muss immer präsent sein, um die Stellvertreter aufzufangen, jederzeit die Situation überschauen und gegebenenfalls in gewissem Rahmen eingreifen können.

Familienstellen ist nicht die einzige Therapieform, die die Vergangenheit wachruft, aufrüttelt und starke Emotionen weckt. Aber kaum eine weckt auch so viel Widerstand. Hierzu noch ein letzter, vorsichtiger Gedanke  ein Aufstellungsleiter meinte einmal: "Wollte man spitzfindig sein, könnte man sagen, dass Psychologen Angst haben, ihren Job zu verlieren". Natürlich kommt es nur selten vor, dass jemand lediglich eine Aufstellung benötigt, um mit sich und seinen Problemen ins Reine zu kommen. Aber genauso kann es passieren, dass nur ein bis zwei Aufstellungen so tiefgreifende Veränderungen hervorrufen, die vielleicht durch reine Psychotherapiesitzungen Jahre gedauert hätten. Und es ist beim Familienstellen keineswegs erwünscht, dass ein Klient "Dauergast" wird und womöglich einfach "alles" aufstellen lässt.

Wissenschaftlich erklärbar wird diese Methode vielleicht nie werden, aber sie ist persönlich nachvollziehbar. Schon als Kind hat mich der Gedanke fasziniert, wie es wohl wäre, in der Haut eines anderen Menschen zu stecken und ich habe es sehr bedauert, dass es nicht möglicht ist. In der Zwischenzeit habe ich diese Möglichkeit entdeckt. Sie steht uns zur Verfügung, aber sie muss auch mit Respekt und echten Intentionen genutzt werden. Das kostet Mut und verlangt die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen stverantwortung ist gefragt! und vielt: Selbleicht auch alte Vorstellungen über Bord zu werfen.

 


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